|

Leichtigkeit

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann mir das letzte Mal ein grauer Himmel, ein kühler Wind und das Tragen einer Jacke eine so große Freude bereitet hat, wie an den Tagen an Dänemarks Westküste. War das überhaupt schon mal der Fall? Endlich einmal kein eintönig blauer Himmel, kein Abschotten der Räume gegen das Einfallen der Sonne, endlich mal wieder das „kühle Gefühl“, wenn man aus dem Haus tritt. Was für eine Befreiung!

Am Strand zu laufen, den Wind auf der Haut spüren und das Rauschen des Meeres zu hören. Da bleibt vieles – nein, falsch – da bleibt alles andere draußen. Es gibt nichts von Bedeutung außer diesen Momenten absoluter Schönheit und Sinnlichkeit. Es gibt nur diesen Moment, diesen Augenblick. Nichts drängt hinein und nichts will nach draußen. Ich beginne Erich Fried besser zu verstehen, wenn er in seinem Gedicht „Meer“ unter anderem schreibt:

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen nur Meer
Nur Meer 

Ich lese in diesen Tagen einen Roman aus längst vergessenen Zeiten ein zweites Mal: „Hubert oder die Rückkehr nach Casablanca“ von Peter Härtling Schon beim ersten Lesen(Mitte der 80iger Jahre) hat er mich gefesselt. Nun aber fügt sich das Lesen und die Geschichte in diese Zeit am Meer. Fast werden sie eins. Auch wenn es keinerlei inhaltliche Überschneidungen gibt. Es muss am Tonfall (oder wie man heute sagt „Sound“) der Sprache liegen, an der Tonalität der Wort. Es fügt sich zusammen, wird zu einem Gedankenfluss, der mich die Tage über begleitet und trägt. Mit dem Klang der Worte im Ohr entstehen die Bilder dieses Beitrags

Ich denke darüber nach, was wirklich wichtig ist (für mich/ für uns). Meine Gedanken mäandern mal hierin, mal dorthin. Wollen an einigen Orten nicht bleiben, zu anderen wiederum, zieht es sie hin. Alles, so denke ich, könnte mehr Leichtigkeit vertragen. Und tatsächlich: Wir selbst könnten sie uns gegenseitig schenken: Mit Respekt, Aufmerksamkeit und einer höflichen Form von Interesse am Gegenüber. Und nach einigen Gedankenstationen erreiche ich diesen Text:

Erzähl was von dir was dich wirklich berührt
Und dem der dir zuhört nicht die Kehle zuschnürt
Denn wenn um dich rum alles erstickt
Kriegst du auch keine Luft mehr
Die Angst vor der Blöße, die Angst vor dem Tod
Reicht für ’n Leben als verklemmter Idiot

Stoppok

Alles beginnt mit dem ersten Schritt.

Ähnliche Beiträge

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für das Kopfkino über den Moment der Leichtigkeit. Suchen wir doch normalerweise den Sommer, die Sonne, die „guten“ Wettertage zur Entspannung damit man was „erleben“ kann und vergessen dabei, dass wir am Ende zur „Entspannung“ nur von Ort zu Ort rennen, den Schatten suchend und in der Bemühung mit kühlen Getränken den Kopf kühl zu behalten. Die Leichtigkeit des Seins muss aber nicht im Schweiß liegen, wie du eindringlich beschreibst, sondern auch in der Akzeptanz des anderen Wetters.
    Ich wäre in diesem Sommer mehrmals sehr gerne an der Nordseeküste gesessen und hätte gelesen. Etwas was in der Hitze mit Stechmücken nur unzureichend möglich ist.
    Unsere Erholung war trotzdem ausreichend. 😉

    1. Egal wie: Hauptsache wir kommen raus aus unseren Rhythmen und Gewohnheiten, lassen zu, dass uns „anderes bewegt“, als das Alltägliche! Wenn ich deine Bilder und Stories auf Insta richtig in Erinnerung habe, so war es auch für dich und euch ein erholsames Tun!
      Liebe Grüße,
      Werner

  2. Etwas verändert sich. Nach dem Ende des Winters lechzen wir nach Sonne und können sie genießen, doch dann beginnt die Hitze uns zu quälen. Die Sehnsucht nach der kühlen, frischen Luft wird von Jahr zu Jahr größer. Die Erleichterung, wenn das Wetter umschlägt und man durchlüften kann.

    Wir ahnen, dass Hirschhausen recht hat, wenn er sagt, wir sollten uns um uns sorgen, denn wir können gewisse Temperaturen nicht überleben. Angesichts dessen, was der Klimawandel langfristig anrichtet, sowieso nicht. Kein Geld der Welt könnte mich in den Süden Deutschlands ziehen lassen. Ich bin sehr froh, hier oben im hohen Norden zu leben, fast da, wo du Urlaub von der Hitze gemacht hast. Noch ist es gut aushaltbar, die Natur grün, die wenigen Wälder soweit intakt.

    Ich erinnere mich an die Zeit, als ich in Hongkong lebte und meine Sehnsucht nach der Nordsee, der frischen Luft, der kühlen, manchmal auch steifen Brise, so stark war, dass wir den Urlaub in St. Peter-Ording verbracht haben. Wetter ist nicht trivial.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert