Wenn der alte Sportplatz schweigt
Ein paar Bilder von einem Ort, an dem gerade nichts geschieht. Und der trotzdem eine Geschichte erzählt.

Einen Sportplatz muss man niemandem erklären. – Er spricht für sich selbst
Irgendwann am Wochenende kamen die Menschen. Spieler, Zuschauer, Eltern, Kinder. Es wurde gerufen, diskutiert, gewonnen und verloren. Irgendwo gab es etwas zu trinken, vielleicht eine Wurst oder ein Stück Kuchen. Man kannte sich. Oder zumindest wusste man, wer wer war. Hier wurde gelacht, geschimpft, geflucht, und vielleicht auch hier und da geweint.
Nach dem Spiel, nach dem Wochenende, in der Woche: Da gibt es diese anderen Stunden: Wenn niemand da ist.
Wenn die Tore einfach nur Tore sind. Wenn niemand auf den Bänken sitzt und Stille herrscht.
Hier war es an diesem Tag das späte Licht des Nachmittags, was die Stille verzauberte und mich anzog. Vielleicht auch gerade deshalb, weil nichts passierte: Alles schien aus der Zeit gefallen. Die Sonne fiel durch die Holzkonstruktion des Daches, malte helle Streifen auf Tische, Bänke und Wände. Sie machte aus diesem so gewöhnlichen Ort eine Bühne. Eine Bühne ohne Darsteller

Meine Gedanken wanderten zu Sonntagsspielen, zu den vielen Stimmen am Spielfeldrand. An Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen, An das Getränk nach dem Spiel. An diejenigen, die immer da waren. Und an manche, die heute vielleicht nicht mehr kommen.
Die Geschichte dieses Platzes hat aber doch noch eine andere Seite.
Längst sind neue Sportplätze entstanden. Gleich zwei. Ein neuer Platz und ein Trainingsplatz. Moderner, wahrscheinlich besser, zeitgemäßer. Es wird gute Gründe dafür gegeben haben.
Und trotzdem lässt mich der alte Platz nicht los.
Wir sind gut darin geworden, Dinge neu zu machen.
Was nicht mehr genügt, wird ersetzt. Gebäude verschwinden, weil ein Neubau zweckmäßiger ist. Aus Wegen werden Straßen, aus Wiesen Bauplätze, aus freien Flächen Parkplätze. Wo Raum gebraucht wird, nehmen wir ihn uns.
Und natürlich bedeutet das Neue oft auch Fortschritt. Vereine brauchen vernünftige Bedingungen. Dörfer verändern sich. Menschen verändern sich. Niemand kann verlangen, dass alles so bleibt, nur weil es einmal so war.
Aber vielleicht lohnt es sich, für einen Moment stehen zu bleiben, bevor wir das Alte zur Seite schieben.
Denn eine neue Fläche lässt sich planen. Ein neuer Sportplatz lässt sich bauen. Man kann Maße festlegen, Leitungen verlegen, Rasen ansäen und irgendwann das erste Spiel anpfeifen.
Geschichte lässt sich nicht neu bauen.
Sie entsteht dadurch, dass Menschen einen Ort benutzen. Immer wieder. Über Jahre und Jahrzehnte. Sie hinterlassen Kratzer in einem Tisch, abgetretene Stellen, verwittertes Holz und Geschichten, von denen ein Fremder nichts weiß.
Diesem Gedanken hänge ich an diesem frühen Herbsttag nach, während ich diese unspektakulären Fotos mache
Wie viel Platz geben wir eigentlich dem Alten, wenn das Neue kommt?

Nicht nur diesem Sportplatz.
Sondern all den unscheinbaren Orten, die keinen offensichtlichen Nutzen mehr haben. Einer alten Scheune. Einem Garten zwischen zwei Häusern. Einer Wiese am Dorfrand. Einem Baum, der einem Neubau im Weg steht.
Vielleicht müssen manche dieser Dinge tatsächlich verschwinden.
Aber wir sollten wenigstens bemerken, dass etwas verschwindet.
Denn mit jeder neuen Fläche, die wir bebauen oder versiegeln, verändern wir nicht nur das Bild eines Dorfes. Wir verändern den Raum, in dem seine Geschichte stattfindet.
Und manchmal bleibt davon nur ein alter Sportplatz zurück.
Noch stehen die Bänke da.
Noch sind die Fensterläden grün.
Noch fällt am Nachmittag das Licht durch die Balken.
Und vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, ihn zu fotografieren.
Nicht weil er schön ist.
Sondern weil er da ist.
Und weil das nicht selbstverständlich ist.


Wir sollten das Verschwinden wenigstens bemerken und uns bestenfalls später auch daran erinnern können, was da verschwunden ist. Das können unsere Fotos und mich reizt es immer wieder, solche Plätze oder Gebäude fotografisch festzuhalten. Allzuoft in meinem Leben habe ich mich dabei ertappt, dass ich eben nicht mehr wusste, was da vorher war. Im letzten Jahr wurde ein uraltes Bauernhaus hier im Dorf abgerissen und ohne mein Foto könnte ich heute vermutlich nicht mehr genau beschreiben, wie es aussah. Es ist ein flüchtiges Foto, aus dem Autofenster fast im Vorbeifahren aufgenommen, weil ich plötzlich ahnte, dass es bald nicht mehr da sein wird. Am nächsten Tag begann der Abriss.
Ich denke, wenn eigene Erinnerungen mit dem Ort verknüpft sind, bemerkt man es eher und geht nicht emotionslos daran vorbei. Diejenigen, die dort trainiert haben, halten den ausgedienten Sportplatz in ihrer Erinnerung und ihren Erzählungen lebendig.
Wenn der alte Sportplatz nun sich selbst überlassen wird, beginnt ein spannender Prozess, den ich noch reizvoller finde: Die Natur wird ihn sich zurückerobern, wenn sie darf. Und meistens kommt es zu Vandalismus, das ist weniger schön.
Liebe Grüße aus dem hohen Norden!
Conny
Ich wundere mich auf meinen kleinen „Radrundreisen“ durch den Kraichgau immer wieder, wie schnell Neubaugebiete erschlossen und wieder bebaut sind (gut, etwas langsamer als vlt noch vor zehn Jahren: es kriselt ja ständig vor sich hin) und dadurch einerseits Landschaft eine komplette neue Form bekommt, aber auch die Dörfer verändert werden (neue Straßen, neue Zugänge). Und nicht zuletzt wundert es mich, wie leichtfertig heute immer noch Flächen einfach versiegelt werden: Bäume weg, Äcker weg, Wiesen weg! Das geht ruckzuck. Und dass in Zeiten von Dürren und Wassermangel. Und ja, da fallen auch „alte Gebäude“, Scheunen etc einfach flach. – Hier bei uns wurde ja letztes Jahr ein alte Mühle abgerissen (https://1000huegelmomente.de/fortschreitender-fortschritt/), einfach so: Wegen neuer Reihenhäuser. Liebe Grüße, Werner
Oh ja, das kann ich mir denken, wie man sich auf so eine Terrain gedanklich und mit Kamera bewegt! Für Social Media ist so ein Ort wahrscheinlich nichts als ein bloßer Lost Place. Für Menschen wie Du und ich ist es viel mehr ein begehbares Archiv voller Geschichten, das uns in ein tiefes Wechselspiel der Gefühle stürzt. An solchen Stellen lässt sich das Echo förmlich sehen! Das von vergangener Sonntage – den Jubel nach einem Tor, dem kollektiven Aufbrausen der Zuschauer.
Es mag so kommen, dass sich die Natur das Terrain zurückholt. Auch, wenn Wehmut darin steckt, ich mag dieses langsame Verschwinden, denn es löst eine beinahe beruhigende, ästhetische Faszination aus. Jetzt, wo alles zum Erliegen gekommen ist, zeigt sich ausgerechnet auf einem Sportplatz der Reiz des Unberührten. Ich finde, uns macht das tatsächlich zum Chronisten.
Irgendwie haben wir scheinbar sowas wie einen 7. Sinn, diese sterbenden Schönheiten zu dokumentieren, bevor die Abrissbirne kommt, Rasen überwuchert, oder das Holz der Tore endgültig verrottet. Am Ende steht wohl die Erkenntnis, dass alles seine Zeit hat, und dass wir im Verfall oft mehr Poesie verspüren, als im glänzenden Neuanfang. Mag sein, dass das die Stelle ist, an der wir an uns arbeiten dürfen.
Alles Liebe, und danke für den wertvollen Beitrag!
Für jemanden, der auf einem Sportplatz „groß geworden ist“ (siehe https://shashindo.de/kindheitserinnerung/), fühlen sich deine Gedanken so nah und real an.
Es ist meine Kindheitsgeschichte. Die es nicht mehr gibt.
Ja, wir sollten mehr Bilder von den uns wichtigen Orten machen, bevor sie dem Bauwahnsinn erliegen.
Danke für deinen Link – Ich fand damals schon (dein Beitrag ist aus 2020) diesen Beitrag wunderschön – er ist es noch immer. und ja: Da sind wir uns in Gefühlen ähnlich. Vermutlich fühlen wir angesichts des Raubbaus an Flächen und Natur auch ähnlich, wenn wir neu ausgewiesene Baugebiete sehen.
Liebe Grüße,
Werner
Oh ja… welch schöne Gedanken und Bilder.
Du hast recht, Neues ist zweckmäßig und toll, aber gerade Sportplätze werden – wie Wein – mit der Zeit toller und füllen sich mit Leben und Geschichten.
Ich war vor einem Jahr bei meinem Sportplatz meiner Jugend – ca 38 Jahre nach dem letzten Mal und fand das Spielfeld noch am selben Ort.
Das Sportheim usw. ist neu, aber der Fussballrasen ist noch am selben Ort.
Wow was für ein Gefühl…
Liebe Grüße Jürgen