Abendblick im Kraichgau

Orte, die keine sind

Wieder einmal ist es laut da draußen. Wieder einmal zu laut und zu prollig. Unser Zeitgeist scheint gerade so zu sein. Willig schauen wir uns die Spektakel an

In leisen Momenten sprechen wir. Mein kleiner Kreis aus Menschen, die auf irgendeine Art und Weise der Fotografie und der Kunst verfallen sind.

Zum Beispiel über Lebensmittelpunkte: Über Orte, die man auf einer Karte markieren kann, die uns viel oder wenig bedeuten. Aber auch über Orte, die auf keiner Karte vermerkt sind, weil sie wohl nur in uns selbst existieren. Orte, die uns prägen oder geprägt haben, die uns (fast) immer begleiten, die uns haben werden lassen, wie wir sind – oder vielleicht auch wie wir sein wollen. Schaut man ein wenig tiefer und bläst die feinen Staubschichten weg, die wie ein Schleier auf unseren Gedanken liegen, stellen wir schnell fest, dass unser Lebensmittelpunkt am Ende die Summe all dessen ist, was uns als Menschen definiert.

Wir finden ihn Büchern, die wir lesen, in Filmen, die wir schauen, in Menschen, die uns umgeben, in Musik, die wir hören Und ja auch in der Fotografie, die so individuell ist, wie unsere Unterschrift. Nein, ich möchte nicht ohne sie sein. Und nie ohne sie ausgehen. Aber sie ebenso wenig zu Hause missen. Die Bilder, die ich mache (und auch die, die ich nicht mache) geben meinen Momenten ein Heim: Einen Lebensmittelpunkt. In meine Bilder fließt all das hinein, was ich gelesen, gesehen, gehört, gerochen und gespürt habe. Alle Punkte, alle Orte und alle Nicht-Orte.

Mein Lebensmittelpunkt ist „my own write“: ein buntes Potpourri aus Literatur, Musik, Kunst und auch Heimat. Und vor allem auch meiner Liebe: Er ist ein inneres Zuhause.

We watched our friends grow up together
And we saw them as they fell
Some of them fell into Heaven
Some of them fell into Hell

Aus „a rainy night in Soho“

Diesen Song der „Pogues“ liebe ich gerade so, wie meinen Lebensmittelpunkt.

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4 Kommentare

  1. Ich musste lange über „ Aber auch über Orte, die auf keiner Karte vermerkt sind, weil sie wohl nur in uns selbst existieren. “ nachdenken.
    Es gibt auch Orte auf der Karte, die nicht mehr (so wie früher) existieren. ZB weil Menschen fehlen die in enger Beziehung zu dem Ort stehen. Hier helfen (ungezwungene) Bilder diese Momente zu bewahren. Kleine Zeitkapseln in denen Menschen, Momente und Gefühle verewigt sind und die man jederzeit nochmals erleben kann.

    1. „Orte, die nicht mehr so wie früher existieren“…. Ja, Oli. Das habe ich vergessen und tatsächlich ist das für mich ein ganz wichtiger Aspekt. Dieser Gedanke hat einiges in mir angetriggert. Positiv.
      Danke!

  2. „Bilder, die ich nicht mache“, habe ich auch ganz viele! Sie stehen für den Wert des Nicht-Fotografierens als bewusste, sinnliche Erfahrung. Vielleicht auch für Authentizität, Unmittelbarkeit und Präsenz, die durch Nicht-Eingreifen entstehen.

    „Bilder, die ich nicht mache“, schaffen Raum für Reflexion über meine Fotografie als Handlung der Selektion und Interpretation. Was im Augenblick erlebt wird, ohne durch eine Aufnahme verändert zu werden.

    Mit „Bilder, die ich nicht mache“, ist Dir ein extrem gewichtiger Satz gelungen, wie ich finde. Er feiert das bewusste Erleben über das Festhalten. Dies nochmal bewußt aufzudröseln, das macht was mit mir, und zwar was Gutes!

    Gamz liebe Grüße, Dirk

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